Von Käfern und anderen Lichtquellen: Woher kommen die Worte?

Ich weiß, wo sie sich verstecken, wenn man auf sie wartet, gerade dann, wenn man sie am dringendsten benötigt.
Ideen sind in Wirklichkeit kleine Käfer, winzige Käfer, die so klein sind, dass man sie kaum sehen kann. Sie halten sich für furchtbar schlau, weil sie sich überall verstecken und durch die kleinste Ritze wieder entkommen können. Das besondere an diesen Käfern ist, dass sie etwas auf ihrem Rücken tragen. Es nennt sich Inspiration. Man kann Inspiration mit so vielen anderen Dingen vergleichen: mit einer Kerze die im Dunklen leuchtet, beispielsweise.

Ich verrate Ihnen noch etwas: Sie werden den Wettlauf mit den kleinen Käfern niemals gewinnen können, denn es sind unzählbar viele und sie werden niemals aussterben und immer, wenn Sie denken den letzten gefangen zu haben, flitzt schon wieder ein neuer an Ihnen vorbei. Mit einiger Übung kann man aber lernen, die kleinen Wesen einzusammeln – denn sie sind es, wovon Texter, Autoren und Schriftsteller leben. Auch ich ernähre mich gewissermaßen von Käfern 🙂

Liebe Texterin – Schreiben Sie mir bitte dringend bis morgen einen Text – nein – einen außergewöhnlichen, kreativen, lesenswerten Artikel zum Thema…

Zwischen Wollen und Können ist manchmal ein Graben so groß wie die St.-Andreas-Spalte.

Wie ich diesen mit einem Satz überwinde?  Ich nenne es – wie Barbara Honigmann – meine „magischen Orte“:

Nur im Vorbeigehen kann ich durch die Wände der Universität Rostock sehen, habe wieder den Geruch der Almer Mater mit den windschiefen Fensterbänken und den eng beieinanderstehenden Pulten in der Nase und erfinde ein neues Wort; es heißt: „durchschrägen“. Wieder zuhause beantrage ich, das Wort in den Duden aufzunehmen.

Die Andere Buchhandlung: Ich schlendere durch die kleine Buchhandlung gegenüber meiner Wohnung und finde in der Kiste mit den Remittenden völlig überraschend meinen Lieblingsschriftsteller, den ich in diesem Moment zum ersten Mal in den Händen halte: Christoph Meckel. Ich schlage das Buch auf und komme lange nicht über diesen wunderschönen ersten Satz hinweg. Zuhause beginne ich einen neuen Roman zu schreiben und nenne ihn „Paula“. 

Rostocks Stadtmauer: Die Rostocker Altstadt: ich gehe an der Stadtmauer entlang, mit dem Notizbuch in der Hand und frage mich „Kann man sich eigentlich die Seele aus dem Leib schreiben?“

Die Ostsee: Was kann mehr inspirieren als eine glatte See, die von nichts ablenkt? Mir fällt ein, dass ich noch nie barfuß durch den Lindenpark gegangen bin und tue es.

Schreiben bedeutet nicht, das bereits Gesagte zum hundertsten Mal zu wiederholen, sondern ein Thema, einen Gedanken, einen Gegenstand neu zu greifen und neue Blickwinkel zu entdecken.

Darin besteht die Kunst, die sich zum einen Teil aus Handwerk, zum anderen aus Ideen und Inspiration zusammensetzt.
Nun zu Ihnen: Haben Sie etwas zu schreiben? Dann her damit!

Katrin Winkler